Interview

Der Weg zu mehr Resilienz im Unternehmen

Warum die Fähigkeit in der neuen Arbeitswelt immer wichtiger wird

Kultur 29.11.2023

In einer Arbeitswelt, die immer digitaler und volatiler wird, ist es wichtiger denn je, widerstandsfähig und belastbar zu sein, aber auch anpassungsfähig. Die Fähigkeit, sich an veränderte Umstände anzupassen, wird als Resilienz bezeichnet. Im Gespräch erklärt der Coach und Buchautor René Träder, welche Rolle Resilienz in der Arbeitswelt einnimmt. Wie kann die Fähigkeit bei Einzelnen, in Teams und letztlich auch im Unternehmen gestärkt werden? Was macht ein Unternehmen resilient?

René, was heißt Resilienz?

Resilienz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „abspringen“ oder „abprallen“. Der Begriff bezieht sich vor allem auf Belastungen oder stressige Dinge. Im Deutschen übersetzen wir den Begriff gerne mit „psychische Widerstandskraft“. Ich bezeichne Resilienz hingegen als das Immunsystem unserer Psyche. Wir kennen das körperliche Immunsystem, das von Viren und Bakterien angegriffen wird. Das psychische Immunsystem wird von Alltagsstress, Krisen, Problemen, oder eben von Schicksalsschlägen angegriffen. Die Frage ist: Wie kann man dieses Immunsystem stärken?

Resilienz ist also etwas Individuelles?

Wir alle haben im Laufe unseres Lebens unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die Forschung hat aber gezeigt, dass es bestimmte Aspekte gibt, von denen wir wissen, dass sie uns guttun. Das sind sogenannte Resilienzfaktoren. Ich habe acht dieser Faktoren ausgemacht:

  1. Verantwortungsübernahme: Gemeint ist eine Einstellung zum Leben. Es geht darum zu erkennen, dass wir die Gestalter:innen unseres Lebens sind.
  2. Zukunftsorientierung: Jeder Mensch braucht Ziele im Leben, Ideen, wie das Leben sein soll, um nach vorne gerichtet zu denken.
  3. Akzeptanz: Wir müssen lernen, Dinge zu akzeptieren, zum Beispiel wütend zu sein. Wenn wir Dinge nicht akzeptieren, dann leben wir in einer Phantasiewelt und sind nicht in der Lage, Lösungen zu entwickeln.
  4. Lösungsorientierung: Wir sollten nicht nur Probleme sehen und sie benennen, sondern auch in Lösungen denken, innovativ sein, neue Wege gehen.
  5. Optimismus: Optimistische Menschen gehen Dinge an. Sie verharren nicht in einer kritischen Aber-Haltung, sondern sehen Chancen.
  6. Beziehungsfähigkeit: Das bedeutet, auf andere Menschen zugehen zu können, sich zu integrieren in einer Gruppe, um Herausforderungen gemeinsam anzugehen.
  7. Selbstwirksamkeit: Das ist eine Art Vertrauen in sich selbst. Man hat die Überzeugung, dass man etwas verändern kann, durch sein Wissen oder seine Fähigkeiten.
  8. Erholung: Der größte Krankheitsfaktor ist Stress. Wenn wir etwas gegen Stress tun, dann tun wir etwas für unsere Resilienz. Deshalb ist es wichtig, sich regelmäßig Erholung zu gönnen – auch in guten Zeiten.

Man kann diese acht Resilienzfaktoren für sich selbst bearbeiten, als Individuum. Die Faktoren können aber auch auf ein Team oder Unternehmen übertragen werden.

Wie wichtig ist Resilienz für und in Unternehmen?

Wir wissen: Jede Veränderung in einem Team oder Unternehmen bedeutet immer Aufregung, Unsicherheit, Stress. Das heißt, dass es wichtig ist, nicht dauerhaft in einem Transformationsprozess zu sein. 

René Träder, Psychologe, Autor und Trainer für Resilienz

Es verwundert nicht, dass Dinge sich verändern, man versucht eher, diese mitzugestalten.

Natürlich verändern sich der Markt, die Kundeninteressen oder die Konkurrenz rund um Unternehmen stetig. Und dann ist immer die Frage: Funktioniert unsere Business-Idee noch? Mit den genannten Resilienzfaktoren kann man dafür sorgen, dass man als Unternehmen stabil steht und innovativ bleibt. Man hat den Blick für Veränderungen und kann damit konstruktiv umgehen. Dieses Vorausnehmen der Unsicherheit in der Veränderung wird in der Resilienz mitgedacht. Das gibt Sicherheit. Es verwundert nicht, dass Dinge sich verändern, man versucht eher, diese mitzugestalten.

Welche Rolle spielen Führungsfaktoren?

Einerseits geht es darum, dass eine Führungskraft für die Mitarbeiter:innen sorgt, dass sie ihre Resilienz stärkt, aber auch das Team als resiliente Einheit betrachtet. Hier spielen Themen wie Kommunikation, Konfliktmanagement oder Fehlerkultur mit rein: Wie arbeiten wir als Team zusammen? Wer gibt wann Feedback? Wie können wir auf Augenhöhe miteinander sprechen? Wie gehen wir mit Fehlern um? Doch Resilienz muss auch von der Führungskraft gelebt werden, um einen Vorbildcharakter einnehmen zu können. Hierbei geht es um Selbstfürsorge, also Selbstmanagement auf eine resiliente Weise.

Ist Resilienz eine Kernkompetenz in Zeiten von New Work?

Je eigenverantwortlicher das Arbeiten wird, desto mehr Resilienz braucht es. New Work ist ein Teil unserer neuen Arbeitswelt. Es hat die Art und Weise, wie wir arbeiten, verändert, in dem es etwa mehr Freiheit und Flexibilität ermöglicht. Ich glaube, hier müssen wir noch viel lernen: Was tut mir gut? Was tut mir nicht gut? Und da spielt Resilienz eine wichtige Rolle, denn: Je unklarer, flexibler das Arbeitsfeld ist, desto stressiger kann es sein. New Work heißt ja nicht, wie schaffen wir es, flexibel zu arbeiten – zuhause, unterwegs und auf Arbeit. Auch hier muss es klare Regeln und Strukturen geben.

René Träder, Psychologe, Autor und Trainer für Resilienz

Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter sollte sich als Gestalterin beziehungsweise Gestalter der Unternehmenskultur sehen und nicht nur als Thermometer.

Was kann man als einzelne Person tun, um Resilienz im Unternehmen zu fördern?

Es gibt viele Dinge. Ein Beispiel ist es, zu erkennen und deutlich zu kommunizieren: Das sind meine Grenzen, meine Bedürfnisse. So wird man ein Vorbild für seine Kolleginnen und Kollegen. Ein anderes Beispiel ist Feedback. Viele Menschen wünschen sich mehr Feedback von ihren Vorgesetzten. Es ist auch eine Form der Wertschätzung. Ich rate immer: Dann fang doch selbst an. Dein Chef oder deine Chefin hat wahrscheinlich auch schon lange kein Feedback mehr bekommen. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter sollte sich als Gestalterin beziehungsweise Gestalter der Unternehmenskultur sehen und nicht nur als Thermometer.

Hast Du drei Tipps für mehr Resilienz?

Mein erster Tipp lautet: Entscheidungen treffen. Das kann unsere Resilienz sehr stärken, weil wir damit Dinge von unserer imaginären Liste wegbekommen. Immer, wenn wir einen neuen Punkt dazu bekommen, egal, ob beruflich oder privat, kostet das einfach Energie. Und dieses ewige Hin- und Her-Überlegen, das schwächt uns. Im Arbeitsalltag finde ich es wichtig, auf Pausen zu achten. Neben der Mittagspause sollte es auch etwa alle 90 Minuten eine 10-Minuten-Pause geben. Und beide Pausen sollten nicht sitzend am Schreibtisch stattfinden. Ich finde es auch schön, sich zu fragen: Was war heute alles gut? Es geht im Alltag darum, mit solchen kleinen Dingen die Resilienz zu trainieren.

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