Interview

Machen statt Mythos

Zwei Frauen aus der Digitalbranche über Karriere, Konzern und die Rolle von Diversität beim Gründen

Kultur Diversity & Inclusion Digitalisierung Kultur 31.01.2022
Frauen arbeiten an Laptops vor einem Flipchart.

   
Zwei herausragende Persönlichkeiten der Digitalbranche kommen zusammen und sprechen über Innovation und die Veränderungen, die unsere Zeit prägen: Tijen Onaran ist Gründerin und CEO von Global Digital Women und gilt in Deutschland als eine der wichtigsten Diversity Consultants. Dr. Salima Douven treibt als Head of Open Innovation & Incubation bei Henkel dx, dem Digitalbereich von Henkel, neue Ideen und Innovationen voran. Herausgekommen ist ein ehrliches Gespräch über Diversität und eine Macher:innen-Mentalität, die sich zu einem entscheidenden Vorteil im Business entwickelt.  

Tijen: Salima, schön, dass wir miteinander sprechen können. Wir beginnen – ganz wie es sich für ein Gespräch über Innovation gehört – mit einem Pitch: Du bist Head of Open Innovation & Incubation bei Henkel dx, dem Digitalbereich von Henkel. Wie erklärst du deinen Job?

Salima: Um mal in Pitch-Länge zu bleiben: Mein Team und ich arbeiten daran, den Konzern Henkel in das Zeitalter der Digitalisierung zu führen und Innovation möglichst effektiv auf die Straße zu bringen.

Tijen: Perfekter Elevator-Pitch! Sehr untypisch für unseren Arbeitsbereich Innovation ist, dass du schon lange bei Henkel bist. Was hält dich in dem Konzern?

Salima: Ich bin schon seit 2008 dabei. Ich habe zwar während meiner Promotion für eine andere Firma gearbeitet, aber ein Stück weit war Henkel mein erster richtiger Arbeitgeber. Frisch von der Uni war mir klar, dass ich für einen großen Konzern arbeiten wollte. Aber dass es am Ende wirklich mehr als 14 Jahre werden, hätte ich selbst nicht gedacht. Henkel hat mir stets ein gutes Umfeld geliefert, ich habe viele spannende Themen bearbeiten dürfen und bin relativ schnell in den Bereich der Digitalisierung eingestiegen. Bereits damals habe ich erkannt, dass es hier viel zu tun gibt – und immer noch gibt! Kein Tag ist wie der andere und deswegen ist selbst nach 14 Jahren noch kein Ende in Sicht – auch wenn das für heute eher unüblich sein mag.

Tijen: Das sehe ich ganz ähnlich. Wenn man heute Lebensläufe auf dem Tisch hat, ist es immer wieder faszinierend, wie viel so Menschen in jungen Jahren bereits gerockt haben: Ausbildung, Start-ups, Interessen in verschiedensten Bereichen. Damals in meiner Bewerbungszeit war das noch anders. Da war es nicht cool, so viel zu wechseln. Heute ist das normal, ja sogar ein absoluter Mehrwert.
Es ist auch ein Ausdruck von Diversität - in diesem Sinne Karrierediversität. Gefragt ist nicht mehr der perfekte lineare Lebenslauf. Auch Ecken und Kanten sind ok, es werden mehr verschiedene Lebensläufe zugelassen – ich finde das eine echte Bereicherung.

Salima: Das stimmt, das hat sich total verändert. Was früher eher negativ und sprunghaft erschien, gilt heute als Vielseitigkeit, Flexibilität und Interesse in vielen Bereichen. Die Perspektive hat sich gedreht. Das ist natürlich gut so, ich sehe das in meinem eigenen Umfeld.

Tijen: Du bist täglich in Kontakt mit Start-ups und jungen Unternehmen. Hast du selbst Start-up-Erfahrung?

Salima: Während meiner Promotion habe ich mit einer Freundin ein Start-up zum Thema Wahlverwandtschaften gegründet. Hier geht es darum, Menschen, die keine Blutsverwandtschaft haben, mit Gleichgesinnten zu verbinden. Sehr oft kam es zu Ablehnung, es hat viel Zeit und Ressourcen gekostet, die administrativen Hürden zu meistern. Es gab immer wieder Momente, in denen wir aufgeben wollten. Aber wir haben uns durchgesetzt. Wir wollten ein Thema bearbeiten, das es so bisher noch nicht gab, für viele Menschen eine wichtige Innovation schaffen. Bis heute eine prägende Erfahrung für mich.

Dr. Salima Douven, Head of Open Innovation & Incubation at Henkel dx

   

Es hilft, einfach zu machen. Viel sprechen, viel planen, nur Konzepte – das funktioniert nicht, darunter leidet das Verständnis aller Beteiligten. Machen, das entmystifiziert Prozesse.

Tijen: Heute arbeitest du in einem großen Konzern. Hast du einen Tipp, wie man neue Prozesse, Eigenverantwortung und unternehmerisches Handeln erfolgreich umsetzen kann?

Salima: Es hilft, einfach zu machen. Viel sprechen, viel planen, nur Konzepte – das funktioniert nicht, darunter leidet das Verständnis aller Beteiligten. Machen, das entmystifiziert Prozesse. Wir merken das immer wieder, wenn wir intern neue Projekte umsetzen: Es gibt den Moment, da muss man einfach handeln. Das ist meiner Erfahrung nach der Schlüssel, um Menschen dauerhaft mitzunehmen.

Tijen: „Einfach gemacht“ habt ihr auch bei unserem nächsten Thema: Diversität. Darum gibt es ja den Xathon von Henkel, den wir von Global Digital Women als Partner mit begleiten. Ein schönes gemeinsames Projekt, das Gründerinnen die Möglichkeit gibt, ihr Start-up weiterzuentwickeln und vor einer hochkarätigen Jury zu pitchen. Warum habt ihr den Xathon ins Leben gerufen? Was ist deine persönliche Erfahrung?

Salima: Für mich wirkt die Digitalbranche manchmal ein wenig hin- und hergerissen. Auf der einen Seite ist sie vielfältig, immer am Zahn der Zeit, cool und modern. Auf der anderen Seite, bei einem kritischen Blick auf die Anzahl von Female Founders und die CDO-Quoten fällt auf: Hier ist noch viel zu tun. Es zeigen sich krasse Gegensätze. Das haben wir selbst gemerkt: Immer wenn wir Gründer:innen aufgerufen haben, sich bei uns zu bewerben, waren es vor allem Männer, die sich gemeldet haben. Wir bei Henkel haben klar gesagt, dagegen können und wollen wir etwas tun. Das ist ein Grund für den Xathon.

Der Xathon bietet Gründerinnen eine Plattform, um sich auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen.

Tijen: Was ist ein häufiges Vorurteil, das dir bei dem Thema Diversität begegnet?

Salima: Es gäbe keine Frauen in der Innovations- und Digitalbranche. Das Argument nervt. Dann sucht doch einfach weiter! Es gibt sie!

Tijen: Ein Klassiker. Auch deswegen freue ich mich, was ihr bei Henkel mit dem Xathon geschaffen habt.

Salima: Genau, beim Xathon merken wir, wie viele großartige Gründerinnen es gibt. Wir wollen diesen Frauen eine Plattform geben. Wir wollen ihnen eine Bühne bereiten und ihnen Vernetzung ermöglichen. Seit wir diesen Business-Hackathon für Frauen vor zwei Jahren ins Leben gerufen haben, erreichen uns so viele Bewerbungen, wir können gar nicht alle berücksichtigen. Aber es zeigt sich sehr deutlich: Es gibt sie, die innovativen Frauen!

Tijen Onaran, Gründerin und CEO von Global Digital Women

   

Wenn du gründest, bist du oft allein. In Zeitungen und Medien sieht man immer wieder, wie glamourös Gründen sein kann. Dennoch ist es oftmals einfach viel Arbeit und eine große Herausforderung. Zu sehen, dass es anderen ähnlich geht, zu sehen, dass es wichtige Tipps gibt, zu sehen, dass es Mentor:innen und Expert:innen gibt, die dich unterstützen können – all das ist so viel wert.

Tijen: Es ist eine wichtige Veranstaltung. Zum einen, wie du sagst, das Thema Sichtbarkeit, jungen Talenten eine Bühne bereiten. Auf der anderen Seite werde ich immer wieder gefragt, ob denn solche Veranstaltungen überhaupt etwas bringen. Ich sage: Ja, sie bringen viel sogar. Ich habe immer wieder bei solchen Formaten mitgemacht. Du weißt nie, wen du triffst; ob du nicht einen wichtigen Tipp bekommst, der dich wesentlich prägen wird.
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Wenn du gründest, bist du oft allein. In Zeitungen und Medien sieht man immer wieder, wie glamourös Gründen sein kann. Dennoch ist es oftmals einfach viel Arbeit und eine große Herausforderung. Zu sehen, dass es anderen ähnlich geht, zu sehen, dass es wichtige Tipps gibt, zu sehen, dass es Mentor:innen und Expert:innen gibt, die dich unterstützen können – all das ist so viel wert.
Zum Abschluss unseres Gesprächs noch eine Frage an dich, Salima: Was ist das größte Learning der vergangenen Monate? Was kannst du anderen mitgeben?

Salima: Für viele sind die Pandemie-Monate eine sehr große Herausforderung, klar, auch für mich. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich viel Unterstützung habe. Ich fühlte mich gerade in den vergangenen Monaten oftmals sehr beschenkt: Ich habe ein tolles Umfeld, ich habe einen Job, der mich erfüllt, in dem ich mich ausprobieren darf. Deswegen ist ein wichtiges Learning für mich Dankbarkeit. Dankbarkeit in meinem Umfeld und für die Möglichkeiten, die mir geschaffen wurden. Auch das ist ein Perspektivwechsel.

Tijen: Total! Dankbarkeit ist ein schöner Punkt. Im Alltag passiert so viel. Man darf auch mal jammern. Aber es ist eben auch wichtig für sich klarzumachen: Ich habe einen guten Job, Familie, Freundinnen und Freunde. Das ist so viel Wert. In diesem Sinne: Danke für dieses Gespräch.