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13.07.2021

Verpackungen und Kreislaufwirtschaft: Ein Interview mit Bernd Draser, Lehrbeauftragter an der ecosign/Akademie für Gestaltung

„Nachhaltiges Verpackungs­design muss nicht mit großem technischem Aufwand verbunden sein“

Designerin zeichnet eine Verpackungsvorlage.

   

Wie sieht die ideale nachhaltige Verpackung aus? „Am besten unverpackt“ würden viele sagen. Doch ist das immer die beste Lösung für jedes Produkt? Welche wirklich nachhaltigen und praktikablen Alternativen gibt es? Diese und viele weitere Fragen diskutieren wir im Interview mit Verpackungsexperte Bernd Draser von der Kölner ecosign/Akademie für Gestaltung.

​Beim Thema Verpackungen scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Die einen wollen es hygienisch und steril abgepackt, die anderen sagen „unverpackt“ ist der Weg für die Zukunft. Was ist denn nun besser?

Bernd Draser: Die Antwort darauf ist komplizierter, als man denkt. Alle Produkte, die unverpackt keine Qualitätseinbußen haben, sollte man getrost unverpackt einkaufen. Auch können wir als Konsument:innen überverpackte Ware meiden und damit ein Signal an den Handel senden. Es gibt aber auch sehr viele Produkte, die sich nicht so gut für den unverpackten Verkauf eignen, da ihre Haltbarkeit, Wirksamkeit und Qualität erheblich darunter leiden würden. Dann müsste man entweder mit sehr viel mehr Konservierungsmitteln gegensteuern oder aber sehr viel mehr Verschwendung, etwa von Lebensmitteln, in Kauf nehmen – beides aus meiner Sicht keine akzeptablen Alternativen. Der ökologische Rucksack eines weggeworfenen Nahrungsmittels ist in den allermeisten Fällen deutlich schwerer als der ökologische Rucksack der Verpackung. In solchen Fällen ist es angebracht, das kleinere Übel zu wählen. Aber auch in Sachen Verpackung gibt es noch Verbesserungspotenziale, die wir ausschöpfen können.

Bernd Draser, Lehrbeauftragter an der ecosign/Akademie für Gestaltung

   

Als Konsumentinnen und Konsumenten können wir überverpackte Ware meiden und so ein Signal an den Handel senden.

In unserem Podcast haben Sie es bereits angesprochen, aber erklären Sie uns doch noch einmal: Was genau ist unter dem Begriff Kreislaufwirtschaft zu verstehen, wenn wir von Verpackungen sprechen?

Bernd Draser: Der Lebensweg einer Verpackung beginnt bei der Gewinnung der benötigten Rohstoffe. Diese werden transportiert und raffiniert, also weiterverarbeitet, bis sie schließlich zur Verpackung werden. Unmittelbar nach der Nutzung verschwinden sie dann meist in der Entsorgung. Und hier kommt die Kreislaufwirtschaft ins Spiel: Wir wollen viel weniger direkt aus der Natur ziehen, um Schäden am Ökosystem zu vermeiden und kommenden Generationen ausreichend Ressourcen zu hinterlassen. Deshalb versuchen wir, die einmal verwendeten Materialien möglichst lange und häufig weiter zu nutzen. Je mehr wir sie wiederverwenden, desto weniger müssen wir neu aus der Natur ziehen. Nehmen wir als Beispiel einen einfachen Joghurtbecher. Dieser ist häufig aus Polypropylen (PP) gefertigt und mit einer Alufolie verschlossen. Das PP-Granulat, aus dem der Becher gefertigt ist, wird aus Erdöl hergestellt. Das Aluminium für die Folie wiederum wird unter sehr hohem Energieaufwand aus Bauxit gewonnen. Mit einem einfachen Handgriff können wir die Folie vom Becher entfernen und schon sind beide sortenrein trennbar. Aus dem Becher wird dann wieder ein Granulat, das beispielsweise einer Waschmittelverpackung beigemischt werden kann. Ziel ist es, möglichst viele Produkte und Verpackungen so zu gestalten, dass der größte Teil des Materials wiederverwendet werden kann.

Oftmals bedarf es einer Verpackung auch aufgrund von regulatorischen Kennzeichnungspflichten, beispielsweise die Angabe von Inhaltsstoffen. Hier ist wichtig, dass sich die Verpackungsdesigner:innen Gedanken bezüglich ihrer sortenreinen Trennbarkeit machen.

Wir leben leider in einer Wegwerfgesellschaft – Kann durch ein smartes Produktdesign auf dieses Verhalten Einfluss genommen werden?

Bernd Draser: Ja, und zwar auf verschiedenen Ebenen: Ein erster Schritt wäre es, Einwegverpackungen so zu gestalten, dass sie sortenrein trennbar sind, also nur aus einem einzigen Material bestehen, beziehungsweise sich in einzelne Materialien auftrennen lassen. Eine wichtige Aufgabe der Verpackungsgestaltung ist die Verwendung recycelter Kunststoffe. Ein Rezyklat hat nicht die gleiche Qualität wie ein frischer Kunststoff, ist aber dennoch meist gut für Verpackungszwecke geeignet. Verpackungsdesigner:innen können außerdem überlegen, ob eine Mehrweglösung Sinn machen könnte. Ein solches Produkt-Service-System hält die Verpackungen länger im Kreislauf – entsprechend weniger Neumaterial wird benötigt. Zuletzt möchte ich noch einen ästhetischen Aspekt erwähnen: Wir betrachten Verpackungen in den allermeisten Fällen als Einwegprodukte, vor allem wenn sie aus Kunststoff bestehen. Während bei Marmeladengläsern eine Zweitnutzung im Haushalt durchaus normal ist, ist das bei Kunststoffverpackungen noch schwer vorstellbar. Auch hier kann ein ansprechendes Design entgegenwirken.

Bernd Draser, Lehrbeauftragter an der ecosign/Akademie für Gestaltung

   

Wir wollen weniger aus der Natur ziehen, um Schäden am Ökosystem zu vermeiden und kommenden Generationen ausreichend Ressourcen zu lassen.

   

Sehen Sie die Konsument:innen ausreichend über das Thema Verpackungen informiert?

Bernd Draser: Die Konsument:innen müssen sich bereits mit Informationen bezüglich der Inhalte auseinandersetzen. Sich auch noch in Sachen Verpackung schlau machen zu müssen, halte ich daher für eine Überforderung. Die Verantwortung für die Verpackung, deren Qualität, Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit liegt bei den Herstellern und dem Handel. Der Handel ist beispielsweise deutlich mehr als nur ein neutraler Verteiler von Gütern: Er entscheidet, welche Produkte in den Regalen stehen, folglich produziert, verpackt und verbraucht werden. In meinen Augen könnten sowohl die Hersteller als auch der Handel regulatorisch deutlich mehr in Anspruch genommen werden. Wer dennoch einen Beitrag leisten will, kann sich an diesen einfachen Faustregeln orientieren:

  • Wenn möglich, auf unverpackte oder leicht verpackte Ware zurückgreifen
  • Möglichst „sortenreine“ Verpackungen bevorzugen
  • Pfand und Mehrweg sind meist besser als Einweg
  • Kompostierbare Verpackungen sind ökologisch meist nicht besser als Kunststoffverpackungen, weil sie in den Fermentern häufig unvollständig kompostiert werden
  • Verpackungen aus Rezyklat unbedingt bevorzugen - die Hersteller weisen diese meist gut sichtbar aus
Bernd Draser, Lehrbeauftragter an der ecosign/Akademie für Gestaltung

   

Ziel ist es, möglichst viele Produkte und Verpackungen so zu gestalten, dass der größte Teil des Materials wiederverwendet werden kann.

   

Haben aktuelle Trends der Nachhaltigkeit auch Einfluss auf die Entwicklung von Verpackungen?

Bernd Draser: Ein seit einiger Zeit stark zu beobachtender Trend ist die heftige Ablehnung von Plastik, vor allem motiviert durch die Bilder plastikverschmutzter Ozeane. Hersteller und Handel greifen daher zunehmend auf sogenannte Biokunststoffe oder pflanzliche Rohstoffe wie Maisstärke zurück. „Bio“ bei Kunststoffen bedeutet aber nicht, dass diese ökologisch besonders wertvoll sind. Oftmals ist der ökologische Fußabdruck dieser Materialien deutlich größer als der von Kunststoffen. Wichtig zu wissen ist, dass Kunststoff selbst ein unglaublich vielseitiges und leichtes Material ist und sich prinzipiell sehr gut im Kreislauf führen lässt. Es handelt sich bei dem Plastikmüll in unseren Meeren daher nicht um ein Materialproblem, sondern um ein abfallwirtschaftliches Problem. Abschließend lässt sich sagen, dass der Trend zum unverpackten Einkaufen dennoch als positiv zu bewerten ist. So übt er doch Druck auf Handel und Hersteller aus, sich Gedanken zu den verwendeten Verpackungen und deren Recyclingfähigkeit zu machen.

Bernd Draser, Lehrbeauftragter an der ecosign/Akademie für Gestaltung

   

Kunststoff selbst ist ein unglaublich vielseitiges und leichtes Material und lässt sich prinzipiell sehr gut im Kreislauf führen.

   

Sie arbeiten in diesem Zusammenhang mit Ihren Studierenden zum Teil auch an Projekten für reale Auftraggeber:innen. Können Sie uns hier von einem Beispiel berichten?

Bernd Draser: Wir haben jedes Semester mehrere solcher Kooperationsprojekte mit Institutionen und Unternehmen, bei denen stets sehr spannende, neue Ideen entstehen, die dann auch tatsächlich umgesetzt werden. So hat eine Studierende beispielsweise ein Mehrweg-System für Street- und Fastfood-Produkte wie Falafel, Pommes und Burger entwickelt, den innovativen ReWrap. Die schlichte und intuitive Verpackung aus Silikon ist durch Stanzungen in vielfacher Weise faltbar und macht die Snacks auch optisch attraktiv. Sie funktioniert im Pfandsystem für Restaurants oder als einzelnes Produkt für Verbraucher, die auf Einwegverpackungen verzichten wollen. Dieser Entwurf passt prima zu unserem Thema: Ein konventioneller, aber recyclingfähiger Kunststoff mit sehr günstigen Eigenschaften und eine ansprechende Ästhetik lösen ein echtes Alltagsproblem – und tragen gleichzeitig zur Müllvermeidung bei. Nachhaltiges Design muss nicht immer mit großem technischem Aufwand verbunden sein. Eine sorgfältige Recherche, kluges Nachdenken und ein gerütteltes Maß an Kreativität sind oft der deutlich bessere Weg.

Der von der ecosign-Studentin Sarah Klein entwickelte ReWrap ist eine Mehrwegverpackung, welche aus Silikon besteht, das sehr beständig, lebensmittelecht, spülmaschinenfest und recycelbar ist. Durch ihre Stanzungen ist sie vielfältig für verschiedene Arten von Street- und Fast-Food einsetzbar. Sie funktioniert in einem Pfandsystem und zeigt, dass ein nachhaltiges Design nicht immer mit großem technischem Aufwand verbunden sein muss.

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