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01.11.2019

Interview mit Jorge Serrano, Leiter Mitgliedsunternehmen und Ecodesign bei Ecoembes

Recycling: Jeder in der Wertschöpfungskette kann einen Beitrag leisten

Ecoembes ist eine gemeinnützige Umweltorganisation, die das Design von recycelfähigen und nachhaltigen Verpackungen in Spanien koordiniert. Henkel war das erste Mitgliedsunternehmen und arbeitet bereits seit mehr als 20 Jahren mit dem Recyclingsystem von Ecoembes – zum Beispiel durch die Integration des Grünen Punkts auf Verpackungen und die Förderung einer Kreislaufwirtschaft.

Herr Serrano, eine Kreislaufwirtschaft wird es nur geben, wenn alle an einem Strang ziehen – vom Hersteller über den Einzelhandel bis hin zum Verbraucher: Wo sehen Sie derzeit den größten Handlungsbedarf?

Jeder Partner entlang der Wertschöpfungskette ist gleichermaßen wichtig und verantwortlich, eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Für einen Hersteller lohnt es sich nur, Maßnahmen einzuleiten, welche die eigenen Produkte nachhaltiger machen, wenn in der Gesellschaft ein soziales Bewusstsein in dem Maße etabliert ist, dass Verbraucher zu nachhaltigem Konsum und effektivem Recycling ermutigt werden. Dennoch befinden wir uns an einem Punkt, an dem Verbraucher mehr Maßnahmen von Seiten der Unternehmen einfordern. Deshalb ist es wichtig, dass Unternehmen das Vertrauen der Verbraucher ernst nehmen und Produkte und Dienstleistungen gemäß der Konsumentenansprüche weiterentwickeln – einschließlich derer an Nachhaltigkeit und Umweltschutz.

Der Wiederverwertungsprozess von Verpackungen in Spanien ist ein Beispiel für eine Kreislaufwirtschaft, bei der die aktive Beteiligung der gesamten Gesellschaft erforderlich ist. Durch die Abbildung des Grünen Punkts definieren Unternehmen, welche Verpackungen nach dem Gebrauch des Inhalts recycelbar sind. Das System funktioniert, weil Bürger Verpackungsmaterialien von Restmüll trennen und die weitere Abholung und Sortierung von Abfall öffentlich organisiert ist.

Jorge Serrano, Leiter Mitgliedsunternehmen und Ecodesign bei Ecoembes

Jorge Serrano, Leiter Mitglieds­unternehmen und Ecodesign bei Ecoembes

Was ist wichtiger: Einzelne Schritte der Wertschöpfungskette zu optimieren oder alle Beteiligten und Prozessschritte effektiver zu synchronisieren und zu koordinieren?

Ich denke, beides ist sehr wichtig! Bei Ecoembes koordinieren wir Einzelmaßnahmen, um jede Phase des Recyclingsystems zu optimieren. Damit wird der Prozess insgesamt verbessert, an dem Unternehmen, Bürger und Kommunen gleichermaßen beteiligt sind: Die Regulierungsmaßnahmen müssen dem von der Gesellschaft geforderten Tempo entsprechen, Unternehmen müssen auf die Bedarfe der Bürger reagieren und die Bürger müssen ihre Ansprüche konsistent verfolgen. Das Recyclingsystem funktioniert nicht, wenn eines dieser Teile ausfällt. Innovation ist dabei der Schlüssel zur kontinuierlichen Optimierung dieses Systems, und Innovation ist in jedem Prozessschritt vorhanden – vom Verpackungsdesign bis zur Sammlung, Sortierung und Wiederverwertung.

Eine Kreislaufwirtschaft aufzubauen bedeutet auch, dass Unternehmen nachhaltige Verpackungen entwickeln müssen, welche die Haltbarkeit von Lebensmitteln verlängern, sodass weniger Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Wie wirkt es sich auf die Lebensmittelhaltbarkeit aus, wenn der Fokus beim Verpackungsdesign auf der Wiederverwertbarkeit der Materialien liegt? Vor welchen Herausforderungen steht die Verpackungsindustrie?

Nachhaltige Verpackungsdesigns haben direkten Einfluss auf die Haltbarkeit von Produkten. Studien zeigen, dass die Umweltauswirkungen eines Produkts, das aufgrund beschädigter oder fehlerhafter Verpackungen nicht konsumiert wird, viel größer sind als die durch übermäßige Verpackungen verursachten Auswirkungen. Viele Branchen haben den Materialverbrauch der eingesetzten Verpackungen bereits auf das Minimum reduziert, weshalb an dieser Stellschraube nur wenige Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung der Ökobilanz verbleiben. Ich glaube deshalb, dass die Zukunft von einem starken Engagement für nachhaltige Verpackungsdesigns geprägt sein wird, das sich stärker auf die Verbesserung der Recyclingfähigkeit und die Wiederverwendung von recycelten Materialien in neuen Verpackungen konzentrieren wird.

Unternehmen können einerseits die Verpackung ihrer Produkte nachhaltiger gestalten, sie können aber auch die Produkte an die nachhaltigeren Verpackungen anpassen. Können Sie hierzu ein Beispiel nennen?

Im Bereich der Wasch- und Reinigungsmittel ist die Produktkonzentration ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Anspruch an ein nachhaltiges Verpackungsdesign positiv auf die Produkt-Reformulierung auswirken kann. Ein stärker konzentriertes Waschmittel in einer 35-Gramm-Flasche kann die gleiche Menge an Wäsche waschen wie ein weniger stark konzentriertes in einer 80-Gramm-Flasche. Die ganzheitliche Betrachtung eines Produkt-Lebenszyklus‘ ist in der Regel die beste Strategie, um diese Art von Verbesserung zu identifizieren und umzusetzen.

Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft sind neue Technologien und Methoden gefragt. Gibt es Beispiele, die Sie so richtig begeistern?

Ich bin davon überzeugt, dass innovative Technologien den Übergang in eine Kreislaufwirtschaft beschleunigen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz kann beispielsweise erkannt werden, wie voll ein Behälter ist. Das kann die Ansätze der Abfallsammlung verbessern und spart Kraftstoff – was Recycling wiederum nachhaltiger macht.

AIR-e ist ein weiteres Beispiel für den Einsatz dieser Technologie. Hierbei handelt es sich um einen intelligenten Recycling-Assistenten, der in Echtzeit alle Fragen oder Zweifel zum Thema Recycling beantwortet, die ein Bürger haben könnte. Wir haben AIR-e im TheCircularLab entwickelt, dem ersten Innovationszentrum für Kreislaufwirtschaft in Europa, das auf Verpackungen spezialisiert ist. Der Roboter identifiziert mittels Sprach-, Text- und Bilderkennung die Art des Abfalls, zu welcher der Bürger eine Frage hat. Durch automatische Lerntechniken erweitert der Roboter mit jeder Anfrage seine Datenbank.

Sieben von zehn Verpackungen werden derzeit in Spanien wiederverwertet. Damit gehört Spanien zu den führenden Ländern Europas im Bereich des Verpackungsrecyclings. Was können andere Länder von diesem Beispiel lernen?

Spanien steht an sechster Stelle unter den 28 Mitgliedsländern der Europäischen Union, wenn es darum geht, wie hoch der Anteil der recycelten Verpackungen ist. Im Jahr 2016 erreichten wir eine Recyclingquote von 70,3 Prozent (Quelle: Eurostat) und liegen damit über dem europäischen Durchschnitt von 68 Prozent und vor Ländern wie Österreich, Finnland, Frankreich, Italien, Norwegen und Schweden. Das ist ein sehr positives Zeichen – und heimische Verpackungsmaterialien wie Ziegel, Karton, Metall, Papier und Kunststoff, an deren Recycling Ecoembes beteiligt ist, leisten hierzu einen wichtigen Beitrag.

Verpackungen sind die am häufigsten recycelte Art von Abfällen in Spanien, obwohl sie nur 8 Prozent des insgesamt produzierten Mülls in unserem Land ausmachen. Abfälle wie Textilien oder Restmüll machen fast 40 Prozent der gesamten Abfallmenge aus, sind aber noch nicht wiederverwertbar. Öffentlich-private Kooperationen zum Themenkomplex Recycling arbeiten mit technischen Innovationen und neuen Arbeitsplätzen im Bereich Nachhaltigkeit auf eine Kreislaufwirtschaft hin. Diese Zusammenarbeit könnte auch als Beispiel für andere Arten von Abfall dienen, die den Großteil unseres Müllvolumens ausmachen, aber derzeit nicht recycelt werden. Das könnte den Fortschritt zu einer echten Kreislaufwirtschaft erheblich beschleunigen.

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