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19.09.2019

Ein Interview mit Friedhelm Funkel, Cheftrainer von Fortuna Düsseldorf

„Teambuilding passiert nicht in einem Tag, sondern jeden Tag“

Friedhelm Funkel, Cheftrainer von Fortuna Düsseldorf

      

Friedhelm Funkel, ehemaliger Fußball-Profi, Rekord-Aufstiegstrainer mit 30 Jahren Erfahrung und aktuell bei Fortuna Düsseldorf unter Vertrag, spricht darüber, wie aus einzelnen Spielern ein Team wird, wie er mit Druck von außen umgeht und warum Realismus der Schlüssel zum Erfolg ist.

Herr Funkel, wie schaffen Sie es, aus Ihren Spielern eine Mannschaft zu formen?

Das A und O ist die Kommunikation. Das beginnt schon im Frühjahr, wenn wir neue Spieler verpflichten und diese Jungs dann in unser Team integrieren. Dafür bin ich nicht allein verantwortlich, sondern habe ein Trainerteam an meiner Seite, dem ich sehr vertraue und die natürlich auch viel mit den einzelnen Spielern sprechen. Mindestens genauso wichtig sind unsere erfahrenen Spieler, die den Neuen vermitteln, wie unser Verein, die Mannschaft und die Trainer funktionieren. Das passiert vor allem in den beiden Trainingslagern vor der Saison, die mit jeweils mehr als einer Woche sehr intensiv sind. Denn hier erklären wir den Spielern neben dem Sportlichen unsere Philosophie, das heißt, was uns wichtig ist, wie wir Fußball spielen wollen.

Neudeutsch denken wir gerne an Teambuilding-Aktionen. Was halten Sie davon?

Teambuilding passiert nicht in einem Tag, sondern jeden Tag. Wenn wir im Trainingslager sind, wird gerne darüber berichtet, dass wir eine Rafting- oder Mountainbike-Tour gemacht haben. Das läuft bei mir nicht unter Teambuilding. Darüber schmunzele ich immer. Ich verstehe es als Abwechslung vom Trainingsalltag. Teambuilding gelingt vor allem in Gesprächen und durch den Umgang miteinander. Ich erwarte einen respektvollen Umgang – unabhängig von der aktuellen sportlichen Situation. In der sechswöchigen Vorbereitung ist der Druck noch nicht so groß. Der Teamgeist wird erst in den nächsten Wochen auf die Probe gestellt. Wir haben zum Beispiel in der Hinrunde der letzten Saison sechsmal hintereinander verloren und wir haben alle in Ruhe weitergearbeitet. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn die Kritik von außen stärker und persönlicher wird, bist Du als Trainer noch mehr gefordert, mit den Spielern zu sprechen. Natürlich muss ich Spieler auch mal scharf kritisieren, aber sie wissen genau, dass ich dann nur den Fußballer und nicht den Menschen meine. Das ist ein ganz großer Unterschied.

Friedhelm Funkel, Cheftrainer von Fortuna Düsseldorf

Friedhelm Funkel, Cheftrainer von Fortuna Düsseldorf


Wie schützen Sie Ihr Team vor zu viel Einfluss von außen?

Ich sage meinen Spielern gerne: Wir müssen um unsere Umkleidekabine eine Wagenburg bauen. Da darf nichts rein- und nichts rauskommen. Was über uns geschrieben wird oder an Kritik aus dem Umfeld kommt, darf uns nicht interessieren. Entscheidend ist, dass wir uns in der Kabine die Wahrheit sagen. Die Kabine ist unser Rückzugsort. Dazu gehört, dass wir uns nicht untereinander öffentlich kritisieren. Das gilt auch für mich: Nach der Niederlage gegen Wolfsburg in der letzten Saison bin ich zu schnell vor die Kameras getreten und habe mich von meinen Emotionen dazu verleiten lassen, meine Spieler öffentlich zu kritisieren. Das war falsch – und das habe ich auch gegenüber der Mannschaft offen angesprochen.

Was macht für Sie einen guten Teamplayer aus?

Ein Teamplayer ist ein Spieler, der optimalerweise auf mehreren Positionen spielen kann. Der eine Mannschaft mitreißen kann. Der auf Mitspieler zugeht. Der einen guten Draht zum Trainer pflegt. Kurz gesagt: Einer, der die Mannschaft in den Vordergrund stellt und nicht sich selbst – auch wenn er mal nicht zu den ersten 11 gehört. Wenn ich als Spieler nur auf der Bank sitze oder gar nicht im Kader bin, dann bin ich natürlich unzufrieden. Ich setze mich ja nicht gemütlich auf die Tribüne oder aufs Sofa zuhause und bin froh, dass ich nicht dabei bin. Aber diese Unzufriedenheit kann ich als Teamplayer nicht an der Mannschaft auslassen. Das ist nicht einfach. Manchmal können die Spieler meine Entscheidung nicht nachvollziehen. Das verstehe ich, ich war schließlich auch Spieler – was eine unbezahlbare Erfahrung für einen Trainer ist. Aber ich erwarte, dass sie sie akzeptieren und nicht durch negative Körpersprache und Einflussnahme auf andere Spieler für schlechte Stimmung sorgen. Diesen Maßstab lege ich auch an meine Führungsspieler an. Die Mannschaft soll merken: Der Trainer räumt ihnen keine Sonderrechte ein, sondern behandelt alle gleich.

Welche Rolle spielen ehemalige Spieler, die dem Verein treu bleiben und neue Funktionen übernehmen?

Eine sehr wichtige! Ein Beispiel ist Axel Bellinghausen, der vor zwei Jahren aufgehört hat und jetzt als Co-Trainer für die Fortuna arbeitet. Oder unser Co-Trainer Thomas Kleine, der auch ein sehr guter Bundesliga-Spieler war und Champions League mit Bayer Leverkusen gespielt hat. Beide können sich – weil sie jünger sind – vermutlich noch besser in die Spieler hineinversetzen. Ich behaupte zwar, dass ich das immer noch kann, aber trotzdem ist der Altersunterschied natürlich ein Faktor. Ich werde jetzt 66, der jüngste Spieler ist 18. Deswegen gebe ich auch so viel Verantwortung an meine Co-Trainer ab. Unser Trainerteam ist sehr vielseitig aufgestellt und ich bin fest davon überzeugt, dass das einen Teil unseres Erfolgs ausmacht.

Stichwort neue Generation – was raten Sie Ihren Spielern in Bezug auf Social Media?

Vorsichtig zu sein. Ich persönlich bin auf diesen Plattformen nicht zuhause. Meiner Meinung nach sollte man auch nicht zu viele Einblicke in sein persönliches Leben geben. Zum Beispiel nicht jede Feier posten. Wenn Du dann zweimal verlierst, heißt es direkt: ja, klar, die feiern nur. Dafür sollte jeder Spieler ein Bewusstsein entwickeln. Es gibt den Spruch: Je oller, desto doller (lacht). In diesem Fall ist das eher ein Thema für die jüngeren Spieler. Bei uns gibt es keine Verbote, sondern Regeln. Dass die Spieler beispielsweise ein paar Tage vor dem Spiel nicht mehr abends um die Häuser ziehen. Aber ehrlich gesagt geht die heutige Generation das anders an. Wir haben das früher gemacht, was nie ans Licht gekommen ist (lacht). Heutzutage braucht nur jemand ein Foto zu machen und dann wissen tausende Menschen Bescheid.

Eine häufige Begleiterscheinung von einer erfolgreichen Saison ist, dass wichtige Leistungsträger den Verein verlassen. So auch bei der Fortuna mit dem Wechsel von Dodi Lukebakio und Benito Raman. Wie gehen Sie damit um?

Realistisch. Wenn wir als Fortuna eine erfolgreiche Saison spielen, dann liegt das auch an zwei, drei außergewöhnlichen Spielern, die ihre Leistung voll abgerufen haben. Und diese sind selbstverständlich im Blickfeld von finanzkräftigeren Vereinen. Was bedeutet das für uns? Wir verpflichten neue Spieler und versuchen, diese wieder in unsere Truppe einzubinden. Es ist mir wichtig, die Erwartungshaltung nicht zu hoch werden zu lassen. Das wäre nämlich weder realistisch noch fair. Wir bekommen nicht direkt wieder außergewöhnliche Spieler. Glauben Sie mir: Die Jungs, die wir haben, geben alles. Wir trainieren hart. Die Spieler haben ein sehr gutes Verhältnis untereinander. Und trotzdem braucht es Zeit. Fußball ist kein Wunschkonzert, sondern harte Arbeit. Da muss man auch durch schwerere Zeiten gehen. Und daher ist Platz 15 auch unser einziges Ziel in dieser Saison. Wir wollen in der Bundesliga bleiben.

         

Wie kommt diese realistische Sicht an?

Manchmal – nicht hier in Düsseldorf – wird mir dieser realistische Ansatz als Pessimismus ausgelegt. Da sage ich ganz klar: Ich bin kein Pessimist. Ich bin ein brutaler Realist mit Hang zum Optimismus. Das ist ein Ergebnis meiner langen Erfahrung, durch die ich – behaupte ich einfach – Dinge besser einschätzen kann als Personen, die zwar auch in verantwortungsvoller Position sind, aber nicht den Stallgeruch eines ehemaligen Spielers haben. Ich mache das jetzt seit 47 Jahren, letztlich so lang wie ein normales Berufsleben, aber in der Bundesliga doch außergewöhnlich. Je älter man wird, desto mehr Erfahrungen sammelt man und kann Dinge dadurch besser einschätzen. Das Älterwerden muss ja auch einen Vorteil haben (lacht).

Nach so vielen Jahren im Geschäft – wie motivieren Sie sich immer wieder neu?

Nach wie vor mit der Freude am Fußball. Ich habe als Achtjähriger angefangen, Fußball zu spielen. Aber auch durch die Arbeit mit jungen Menschen in meinem Trainerteam und in der Mannschaft. Das Allerwichtigste ist natürlich die Gesundheit. Klar, es wird anstrengender, das möchte ich nicht herunterspielen. Wenn ich nicht ein so großartiges Trainerteam hätte, würde es nicht funktionieren. Früher habe ich selbst bis zu 12 Stunden vor dem Videorekorder gesessen, um die Spiele zusammenzuschneiden. Heute geht das erstens viel schneller und außerdem habe ich Mitarbeiter, denen ich komplett vertrauen kann. Früher waren wir als Trainer zu zweit, heute habe ich 16 Leute an meiner Seite. Aber ganz ehrlich: Wenn wir am Wochenende hier im Stadion vor 50.000 Zuschauern auflaufen oder auch der freundliche Empfang der Fans bei unserem Spiel in Frankfurt – das zeigt, dass man viele Dinge im Leben richtig gemacht haben muss.

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