Story

Lösen, wenn nötig – vom Klebstoff zur Kreislaufwirtschaft

Wie Henkel als Systempartner Innovation vorantreibt

Innovation 16.04.2026

Die Elektromobilität transformiert das Fahrzeug grundlegend – und im Zentrum dieser Entwicklung steht die Batterie. Sie definiert Reichweite, Kosten, Sicherheit und zunehmend auch den ökologischen Fußabdruck. Was im Inneren verborgen bleibt: Für ihre technische Leistungsfähigkeit sind große Mengen an strukturellen und thermischen Klebstoffen unverzichtbar. Sie stabilisieren Zellen, sichern die Crash-Performance und ermöglichen effizientes Wärmemanagement. Dabei gewinnt eine weitere Eigenschaft an Bedeutung: Lösbarkeit. Klebstoffe müssen künftig nicht nur maximale Leistung erbringen, sondern auch so gestaltet sein, dass Batteriebauteile effizient demontiert, repariert oder recycelt werden können. Henkel entwickelt hierfür integrierte Lösungen, die technische Performance, wirtschaftliche Skalierbarkeit und Kreislauffähigkeit miteinander verbinden. 

Klebstoffe sind gemacht, um über einen langen Zeitraum zu halten. Klebstoffe müssen sicher sein. Klebstoffe dürfen sich nicht lösen. So weit, so richtig. Außer, man will, dass sie sich lösen. Im richtigen Moment. Für den richtigen Zweck.

Debonding heißt dieses Prinzip und es klingt zunächst wie ein Widerspruch. Verbindungen, die über die gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs zuverlässig halten, sich aber kontrolliert wieder öffnen lassen, wenn es nötig ist: zur Reparatur, zum Austausch, zum Recycling. Was wie das genaue Gegenteil von dem klingt, was man von einem Hochleistungsklebstoff erwartet, wird gerade zu einem der zentralen Themen der Elektromobilitätsbranche.

Die Batterie verändert alles

Elektroautos werden konstruktiv anders gedacht als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor: Der Antrieb rückt in den Hintergrund, die Batterie ins Zentrum. Sie speichert die Energie, bestimmt das Gewicht und prägt maßgeblich das Crash-Verhalten. Zugleich wird sie immer stärker in die Fahrzeugstruktur integriert. Mit diesen Themen beschäftigt sich Elizaveta Kessler seit ihrem Studium. Ihren Einstieg fand sie mit einer Bachelorarbeit über Natrium-Ionen-Batterien am MEET-Batterieforschungszentrum der Universität Münster – damals noch ein Nischenthema, heute ein vielversprechender Technologietrend. Über ihre Zeit in der Unternehmensberatung, in der sie entlang der gesamten Batterie-Wertschöpfungskette arbeitete, führte ihr Weg schließlich zu Henkel. Heute arbeitet sie dort als Business Development Managerin an Elektromobilitätslösungen – einschließlich innovativer Technologien zur Lösbarkeit von strukturellen und thermischen Klebstoffen.

Früher waren Batteriezellen in Modulen verbaut, die sich vergleichsweise einfach ein- und ausbauen ließen. Heute verschwinden diese Modulstrukturen zunehmend. Beim sogenannten Cell-to-Pack Konzept sitzen die Zellen direkt im Batteriekasten – das reduziert Bauraumverluste und steigert die Reichweite. Der nächste Schritt heißt Cell-to-Chassis: Die Batterie wird selbst zu einem tragenden Bestandteil der Fahrzeugstruktur. Elizaveta fasst es prägnant zusammen: „Je höher das Integrationslevel, desto mehr Klebstoffe brauchen wir.“ Was früher mechanisch fixiert wurde, ist heute strukturell verklebt. Klebstoffe stabilisieren die Zellen, leiten Wärme ab, schützen vor Vibrationen und übernehmen im Ernstfall eine wichtige Sicherheitsfunktion. Spezielle Beschichtungen auf dem Batteriedeckel verhindern zudem, dass Hitze oder Flammen in den Fahrgastraum gelangen – ein kritischer Schutzmechanismus, der im Notfall wertvolle Zeit verschafft und größere Schäden verhindert. Mit dem steigenden Einsatz großer Mengen struktureller und thermischer Klebstoffe wächst jedoch auch eine Herausforderung: Die hohe Integrationsdichte erschwert das spätere Demontieren, Reparieren und Recyceln der Systeme erheblich.

Porträtfoto von Elizaveta Kessler, Business Development Managerin für Power Storage bei Henkel.

Es gibt keine ungewollten Trigger. Weder Straßenvibrationen noch Schnellladen oder sommerliche Hitze lösen den Effekt aus. Debonding ist geplant und an klar definierte Bedingungen gebunden.

Das geplante Lösen

Bauteile, die mit konventionellen Klebstoffen verbunden sind, lassen sich häufig nicht trennen, ohne sie zu beschädigen. In der Vergangenheit war das bei Batterien weniger problematisch: Am Ende ihres Lebenszyklus wurden Traktionsbatterien meist vollständig geschreddert, damit die enthaltenen Aktivmaterialien im anschließenden Recyclingprozess zurückgewonnen werden konnten. Eine selektive Demontage fand dabei in der Regel nicht statt – viele Komponenten und Wertstoffe gingen so verloren. Mit wachsender Elektromobilität verändert sich diese Rechnung jedoch grundlegend. In einer Fahrzeugbatterie stecken rund 70 bis 80 Prozent der Kosten in den Aktivmaterialien – insbesondere in den hochwertigen Kathoden- und Anodenmaterialien, die für das Speichern und Abgeben elektrischer Energie verantwortlich sind. Können diese Materialien gezielt recycelt und wiederverwendet werden, sinken sowohl Kosten als auch Rohstoffabhängigkeiten. Auch in der Produktion eröffnet Lösbarkeit neue Potenziale: Wenn ein defektes Batteriepaket oder Modul wieder geöffnet werden kann, muss es nicht sofort verworfen oder vollständig geschreddert werden. Dadurch lassen sich Ausschussraten reduzieren, Reparaturen ermöglichen und wertvolle Materialien im Kreislauf halten.

Henkel konzentriert sich dabei auf zwei technische Mechanismen. Beim thermischen Debonding wird Wärme gezielt und lokal eingebracht, sodass ein spezieller Layer in der Grenzschicht seine Struktur oder Haftwirkung verändert. Dadurch entsteht ein definierter Trennpfad, über den sich Bauteile sauber voneinander lösen lassen. Dieses Prinzip wird nicht nur in der Batterie, sondern auch in Display, weiteren Elektronikanwendungen oder Scheinwerfern genutzt. Beim elektrischen Debonding befinden sich leitfähige Ionen im Klebstoff. Wird eine Spannung angelegt, wandern diese an die Grenzfläche und schwächen dort die Bindung gezielt ab. Elizaveta beschreibt den Vorgang als kontrollierte, saubere Delamination, die ohne starkes Erwärmen und ohne mechanisches Abtragen auskommt.

Entscheidend ist: Die Verbindung darf sich niemals ungewollt lösen. „Es gibt keine ungewollten Trigger“, betont Elizaveta. „Weder Straßenvibrationen noch Schnellladen oder sommerliche Hitze lösen den Effekt aus. Debonding ist geplant und an klar definierte Bedingungen gebunden.“ Aktuell befindet sich die Technologie auf einem frühen technischen Reifegrad, doch der weitere Weg ist klar: Von ersten Konzepten über funktionsfähige Demonstratoren bis hin zu Validierungsprojekten im Kundenumfeld wurden bereits wichtige Meilensteine erreicht. Der Fokus liegt nun darauf, die Systeme industriell skalierbar zu machen und in reale Fertigungs- und Serviceprozesse zu überführen. Für Kunden eröffnet das künftig einen deutlichen Mehrwert – von reduzierten Ausschussraten über effizientere Reparaturprozesse bis hin zu einer besseren Rückgewinnung wertvoller Materialien.

MOBILITÄT WEITERDENKEN. 
AUS ANTRIEB WIRD FORTSCHRITT.

YouTube Thumbnail Mobilität weiterdenken. Aus Antrieb wird Fortschritt. (Thumbnail)

Nachhaltigkeit, die sich rechnet

Dr. Melanie Luckey betrachtet das Thema von einer anderen Seite. Als Head of Sustainability Automotive Components bei Henkel gestaltet sie die Nachhaltigkeitsstrategie für diesen spezifischen Geschäftsbereich des Unternehmens – einem Bereich, dessen Klebstoffe, zusammen mit denen aus dem Automotive-OEM-Geschäft von Henkel, in schätzungsweise neun von zehn Fahrzeugen weltweit verbaut sind.

Melanie kennt das Problem aus der Praxis: Ökologische Argumente allein überzeugen nur schwer. „Das Schöne bei Debonding ist, dass es nicht nur ein nachhaltiger Faktor ist, sondern man gleichzeitig Kosten einsparen kann“, sagt sie. Ein Scheinwerfer, der durch einen Kratzer beschädigt ist, bedeutet heute oft den Austausch des gesamten Moduls – inklusive teurer LED-Technik. Mit Debonding könnte künftig nur die Linse ersetzt werden. Bei Batterien lassen sich defekte Einheiten reparieren, statt den gesamten Akku auszutauschen. Und in der Produktion sinken Ausschussraten, wenn sich Fehler korrigieren lassen, bevor ein Bauteil verschrottet werden muss.

Doch Melanie weiß auch, wo die Grenzen liegen. Nachhaltigkeit entsteht nicht im letzten Produktionsschritt. „Viele wesentliche Aspekte der Nachhaltigkeitsleistung werden ganz am Anfang im Design definiert“, sagt sie. Debonding muss früh integriert werden, lange bevor das Fahrzeug die Straße sieht. Das ist leichter gesagt als getan. Ein Fahrzeugdesignzyklus dauert in Europa bei traditionellen Automobilherstellern etwa vier bis fünf Jahre. Produktionslinien sind auf bestehende Prozesse ausgelegt. Eine zusätzliche Debonding-Schicht bedeutet neue Applikationsschritte, neue Tests, neue Freigaben – und Überzeugungsarbeit auf allen Ebenen. „Von außen wirkt es oft unkompliziert, einfach ein neues Design umzusetzen“, sagt Melanie. „In der Realität ist das jedoch ein anspruchsvoller und langwieriger Prozess.“

Porträtfoto von Dr. Melanie Luckey, Head of Sustainability Automotive Components bei Henkel.

Das Schöne bei Debonding ist, dass es nicht nur ein nachhaltiger Faktor ist, sondern man gleichzeitig Kosten einsparen kann.

Rohstoffe, die nicht verloren gehen sollen

Neben dem wirtschaftlichen und ökologischen Argument hat Debonding auch eine geopolitische Dimension. Europa bezieht viele Rohstoffe vollständig über Importe. Das macht Recycling nicht nur zur Frage der Nachhaltigkeit, sondern auch der Versorgungssicherheit. „Eine gut aufgestellte heimische Kreislaufwirtschaft stärkt die eigene Wertschöpfung“, sagt Elizaveta. Es geht darum, vorhandene Materialien mehrfach zu nutzen und so die eigene Wertschöpfung robuster zu gestalten. Debonding trägt genau dazu bei: Hochwertige Materialien lassen sich gezielt zurückgewinnen, statt sie im Schredder zu verlieren. Nachhaltigkeit wird so zur Frage kluger Ressourcennutzung. Und das ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich vernünftig zugleich.

Der Aha-Moment

Henkel versteht sich beim Debonding nicht als Klebstofflieferant, der auf Anfrage reagiert, sondern als Entwicklungspartner, der Themen proaktiv mitgestaltet. Im Battery Engineering Center in Düsseldorf und weiteren Anwendungszentren weltweit werden Demonstratoren gebaut, Konzepte erprobt, Kundenanforderungen simuliert. Elizaveta pitcht das Thema auf Konferenzen. Melanie stellt Demo-Objekte vor, bei denen sich eine Batterie vor den Augen des Gegenübers kontrolliert öffnet. „Debonding hat immer diesen Aha-Effekt“, sagt sie. Selbst erfahrene Ingenieur:innen reagieren überrascht, wenn sie das erste Mal sehen, wie sich ein verklebtes Bauteil sauber löst. Nachhaltigkeit geht nicht alleine, nicht technologisch, nicht wirtschaftlich. Henkel arbeitet daher mit Fahrzeugherstellern, Zulieferern, Recyclern und Rohstofflieferanten zusammen, um verantwortungsvolle Rohstoffnutzung und Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Gemeinsam werden skalierbare Lösungen für den Weg zu Netto-Null (Net-Zero) und einer zirkulären Wertschöpfung identifiziert und implementiert. Denn Debonding muss in reale Recyclingströme passen. Werkstätten müssen damit umgehen können. Recycler benötigen passende Trigger-Optionen. Eine Batterie, die sich im Labor öffnen lässt, aber in keiner Recyclinganlage angenommen wird, löst kein Problem. Klebstoffe müssen halten. Aber die Zukunft gehört denen, die auch wissen, wann sie sich wieder lösen dürfen.

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Jede Innovation beginnt mit einer außergewöhnlichen Idee. Doch eine Idee ist nur der erste Schritt. Für einen Innovationssprung braucht es mehr. Es braucht eine Idee, die begeistert – den Markt, die Konsument:innen oder unsere Kunden. Der Schlüssel zu nachhaltigem Wachstum und Wohlstand sind innovative Produkte und Technologien, die dabei helfen, Herausforderungen zu bewältigen, Veränderungen herbeizuführen und Visionen zu erreichen. 

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