Story

Für das Recycling gestaltet – Was wir im Recyclab von Henkel über Verpackungen lernen

Wie Henkel im Recyclab die Recyclingfähigkeit von Verpackungen praxisnah testet

Kreislaufwirtschaft Verantwortung 13.04.2026

Im Packaging Recyclab von Henkel geht es um eine Frage, die im Alltag oft beiläufig entschieden wird: Was passiert mit einer Verpackung, wenn sie ihren Zweck erfüllt hat? In Düsseldorf und Shanghai prüfen Expertinnen und Experten des Konzerns, wie Papier und papierbasierte Verpackungen, Beschichtungen und Klebstoffe sich im industriellen Recycling verhalten. Sie zerschneiden Verpackungen, setzen sie Wasser aus, filtern, bewerten. Und rekonstruieren so den Weg vom Abfall zurück zum Rohstoff.

Was haben fettige Pizzakartons, Geschenkpapier und Kassenzettel gemeinsam? Ja, alle bestehen irgendwie aus Papier. Aber nein, keines dieser Materialien sollte pauschal im Papiermüll landen. Das liegt an Verunreinigungen und fettigen Rückständen – wie auf dem Pizzakarton – oder an Kunststofffolien, die Verpackungen widerstandsfähig machen: gegen Feuchtigkeit, Fett, Hitze. Was im Alltag praktisch ist, kann später im Recycling zum Problem werden. Im Packaging Recyclab von Henkel in Düsseldorf und Shanghai wird genau das untersucht: wie sich Papierverpackungen im industriellen Recycling verhalten. Was von ihnen übrig bleibt. Und was nicht.

Ein Blick, der bleibt

Robin Leif Krug steht früh morgens im Labor, fährt die Anlagen hoch und schaut, was auf dem Tisch liegt. Neue Muster. Oft beschichtete Papiere für spezielle Einsatzbereiche, blank und unbedruckt. Er zerschneidet sie in Quadrate von drei mal drei Zentimetern. Robin ist seit 17 Jahren bei Henkel, Chemielaborant, hat Polymerchemie gemacht, Kosmetik, Anwendungstechnik. Heute testet er Verpackungen auf Recyclingfähigkeit. Und entwickelt dabei einen Blick, den er nicht mehr abstellen kann. „Das ist wie eine Brille, die ich nicht ablegen kann“, sagt er. Wer einmal weiß, was in einem Recyclingprozess wirklich passiert, schaut selbst auf die Müsliverpackung im Supermarkt anders. „Im Recyclab zerlegen wir Verpackungen in ihre Bestandteile – Fasern, Beschichtungen, Polymerfilme, Klebstoffe –, um zu verstehen, was im Recyclingprozess tatsächlich übrig bleibt“, erläutert er.

Portätfoto von Robin Leif Krug, Chemielaborant im Recyclab bei Henkel in Düsseldorf

Unsere Tests zeigen, wie sich Papierverpackungen im Recycling wirklich verhalten. Erst dann können wir sie verbessern.

Repräsentative Muster bauen

Die Schnipsel, die Robin schneidet, sollen die Verpackung als Ganzes repräsentieren: alle Bestandteile, alle Schichten, in realistischen Anteilen. Eine Waschmittelverpackung kann bis zu 30 verschiedene Teile haben. „Im Endeffekt müssen wir 200 Gramm repräsentativ auf unsere 50 Gramm runterreduzieren“, sagt Robin. Das allein ist schon Arbeit. Dann kommt Wasser, wie in einer echten Papiermühle. Die Fasern lösen sich voneinander, es entsteht Pulp, eine Art Papierbrei. Was folgt, sind mehrere Sieb- und Filtrationsschritte. Gröbere Verunreinigungen bleiben hängen. Das wird mehrfach wiederholt, immer feiner gefiltert. Am Ende wird aus dem aufbereiteten Faserbrei ein Probeblatt Papier gepresst.

Was dabei zählt: wie viele Fasern überhaupt übrigbleiben. Und wie sauber das neue Papier ist. Besonders kritisch sind klebrige Partikel – Stickies, wie sie im Fachjargon heißen. Polymere, die bei 130 Grad schmelzen und im Papier klebrige Stellen hinterlassen. In einer echten Papiermühle könnten sie dazu führen, dass die Papierbahn reißt. Die Produktion würde stillstehen. „Unsere Tests zeigen, wie sich Papierverpackungen im Recycling wirklich verhalten. Erst dann können wir sie verbessern“, sagt Robin.

Braunes Papier, große Überraschung

Manche Verpackungen überraschen. Ein braunes Papier, schlicht, kaum bedruckt – und im Test löst sich nichts. „Man schmeißt es in den Pulper und auf einmal zerfasert sich nichts“, sagt Robin. Dann zeigt sich, dass das Papier bei der Herstellung so stark modifiziert wurde, dass es Wasser einfach abweist – ein Hinweis darauf, wie wichtig Materialdesign für echte Recycelbarkeit ist. Manchmal sehen Verpackungen nur von außen wie Papier aus. Doch Kunststoffkomponenten können so tief in der Faserstruktur integriert sein, dass sich das Material im Recyclingprozess nicht mehr wie Papier verhält. „In solchen Fällen ist die Verpackung nicht über den Papierstrom recycelbar. Und nicht recycelbar bedeutet: Sie darf ab 2030 gemäß der neuen europäischen Verpackungsverordnung nicht mehr auf den Markt gebracht werden“, erklärt Dr. Nadine Höglsperger, Leiterin des Recyclabs in Düsseldorf. Solche Erkenntnisse helfen dem Team, gemeinsam mit Partnern und Kunden Verpackungsdesigns zu verbessern – damit Verpackungen, die wie Papier aussehen, sich im Recyclingprozess auch tatsächlich wie Papier verhalten.

EIN BLICK IN DAS RECYCLAB IN DÜSSELDORF


Nahaufnahme eines Metallbehälters, in dem ein mechanischer Rührer nasse, aufgelöste Papierfasern während eines Recyclingtests mischt.

Im Pulping-Schritt werden die Papierproben in Wasser zerfasert.


Laboraufbau mit einem Filtrierkolben und Trichter links sowie einem Becher mit Faserbrei rechts, verbunden durch einen orangefarbenen Schlauch.

Im Filtrationsschritt wird die Menge gelöster und kolloidaler Stoffe im Faserstoffwasser gemessen, um den zirkulären Wassereinsatz zu bewerten.


Laboraufbau mit einem Filtrierkolben und Trichter links sowie einem Becher mit Faserbrei rechts, verbunden durch einen orangefarbenen Schlauch.

Nach einem Screening-Prozess werden die nassen Fasern geformt und getrocknet, um neues recyceltes Papier herzustellen.


Eine Forscherin im Laborkittel untersucht ein rundes Papiermuster auf einem hell ausgeleuchteten Prüftisch.

Das neue recycelte Papier wird anhand von zwei Kriterien bewertet: optisches Erscheinungsbild und Anteil haftender Partikel.

Auf Kurs für 2030

Dass Recyclingfähigkeit heute so unter der Lupe liegt, hat einen konkreten Grund. Ab dem 1. Januar 2030 müssen Verpackungen, die in Europa verkauft werden, zu mindestens 70 Prozent recyclingfähig sein. So schreibt es die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR), vor, die europäische Verpackungsverordnung, die 2024 verabschiedet wurde. „Wir wissen alle: Ohne klare Grenzen ändert sich keine ganze Industrie“, sagt Nadine. Was noch fehlt, sind die genauen Testmethoden. Welche Norm gilt? Wie wird gemessen? Das ist noch offen. „Die Unternehmen wissen nicht, woran sie sich orientieren sollen“, sagt die promovierte Chemikerin. Ein Teufelskreis: Wer die Regeln nicht kennt, kann nicht entwickeln. Nadine sitzt deshalb in Gremien. 4evergreen zum Beispiel, ein europäischer Zusammenschluss aus Papierindustrie, Klebstoffherstellern und Markenherstellern, der Testmethoden für die PPWR erarbeitet. Henkel bringt Laborexpertise ein. Alle gemeinsam denken darüber nach, wie einzelne Messpunkte präziser gestaltet werden könnten. „Wenn eine Methodik europaweit entscheidet, ob eine Verpackung auf den Markt darf, sollten wir sie so genau wie möglich aufstellen“, so die Expertin.

Zweitausend Kilometer weiter östlich

Das Recyclab gibt es zweimal. In Düsseldorf – und in Shanghai. Leozezhi Sun, den alle Leo nennen, arbeitet im dortigen Lab. Er hat über zehn Jahre Erfahrung in der Klebstoffindustrie, kam über die Anwendungstechnik zu Henkel und ist heute die Schnittstelle zwischen Material, Prozess und Kunde. Die Methoden sind dieselben wie in Düsseldorf. Dieselben Siebschritte, dieselben Temperaturen, dasselbe Prüfblatt am Ende. Was sich unterscheidet, ist der Kontext. Viele der Kunden von Henkel in China produzieren für den europäischen Markt. „Wenn Verpackungen nach Europa exportiert werden, müssen sie recyclingfähig sein und den dortigen Normen entsprechen“, sagt Leo. Die Anforderungen der PPWR sind also auch in Shanghai täglich präsent, über den Umweg des Exports. Gleichzeitig beobachtet Leo einen eigenen Wandel in China: Seit 2021 ist Einwegplastik in vielen Bereichen verboten, immer mehr Verpackungen werden auf Papierbasis entwickelt. Auch ihn prägt der eigene Beruf: Er versucht aktiv Einwegplastik zu vermeiden, setzt auch beim Einkauf auf wiederverwendbare Beutel. 

Porträtfoto von Dr, Nadine Höglsperger, Leiterin vom Recyclab bei Henkel in Düsseldorf

Wir wissen alle: Ohne klare Grenzen ändert sich keine ganze Industrie.

Dreißig Sekunden für zwanzig Seiten

Jeder Test im Lab erzeugt Daten. Jeder Schritt muss nachvollziehbar sein. Früher füllte Robin Tabellen, kopierte Werte in Berichtsvorlagen, riskierte dabei Fehler. Das kostete täglich Stunden. Zeit, die nicht für Analyse oder Austausch blieb. Heute gibt es eine App. Gemeinsam mit Henkel dx, der digitalen Innovationsabteilung, von Grund auf entwickelt, nicht eingekauft. Sie führt durch den Testprozess, erfasst Messwerte direkt und generiert am Ende automatisch den vollständigen Prüfbericht. „Ein Laborant, der drei Stunden Werte kopiert, ist nicht effizient“, sagt Nadine. „Eine App, die in 30 Sekunden einen 20-seitigen Bericht generiert, definitiv mehr.“ 

Forschung für die Zukunft

Das Recyclab ist kein abgeschlossener Ort. Es ist offen – für Markenhersteller, die wissen wollen, ob ihre Verpackung den kommenden Anforderungen standhält. Für Partner und externe Institute, die hier Testreihen durchführen und Zertifizierungen vorbereiten. Was in Düsseldorf und Shanghai geschieht, ist längst mehr als interne Forschung. Es ist ein gemeinsamer Lernprozess einer Branche, die sich neu erfinden muss. Nadine und ihr Team arbeiten dabei an etwas, das im Alltag unscheinbar wirkt. An Kartons, Beschichtungen, Klebstoffen. An Dingen, die wir aufreißen, falten, entsorgen, meist ohne einen zweiten Gedanken. Doch genau dieser zweite Gedanke ist es, der hier systematisch durchgespielt wird. Was passiert nach dem Gebrauch? Zerfallen die Fasern wirklich so, dass sie erneut genutzt werden können? Bleiben Fasern übrig? Entsteht Neues aus dem Alten? Die Forschung an der Zukunft passiert unbemerkt. Aber sie passiert. 

KREISLAUF­WIRTSCHAFT

KREISLÄUFE SCHLIESSEN, UM WERTSTOFFE ZU ERHALTEN

Das Thema Kreislaufwirtschaft ist hoch im Kurs. Verpackungsmaterialien wie Plastik bieten viele Vorteile, doch die Allgegenwart des beliebten Kunststoffs stellt uns auch vor neue Herausforderungen. Wie können wir einen verantwortungsvollen Umgang mit Plastik im Sinne einer Kreislaufwirtschaft fördern und mit  Recycling das Plastikmüll-Problem eindämmen?

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