Interview

Ein Projekt, das stolz macht

Begoña Cantera von Henkel erklärt die Technologie hinter den zentralen Türmen der Sagrada Família 

Innovation 14.10.2026

Manche Bauwerke brauchen keine Erklärung. Man nennt ihren Namen, und sofort entsteht ein Bild vor dem inneren Auge. 
Die Sagrada Família ist eines davon.

 

Frontalansicht der Sagrada Família in Barcelona. Im Vordergrund sind die umliegenden Stadtgebäude zu sehen, hinter der Basilika ragen mehrere Baukräne empor. Darüber spannt sich ein klarer blauer Himmel.

Seit 1882 wird an ihr gebaut, über Generationen hinweg. Ihr Entwurf war seiner Zeit so weit voraus, dass die Technik Jahrzehnte brauchte, um ihm gerecht zu werden. Nun ist der entscheidende Moment gekommen: 2026 wird der zentrale Christusturm vollendet. Mit einer Höhe von 172,5 Metern ist die Basilika heute die höchste Kirche der Welt.

Hinter dem Bau der Sagrada Família stehen viele Menschen, deren Beitrag oft im Verborgenen bleibt. Begoña Cantera ist eine von ihnen. Die Ingenieurin arbeitet bei Henkel in ihrer Heimatstadt Barcelona und war mehr als ein Jahrzehnt lang die technische Ansprechpartnerin für eine der anspruchsvollsten ingenieurtechnischen Aufgaben des gesamten Projekts: die Verbindung von Stein und Stahl in den sechs zentralen Türmen, sodass die beiden Materialien als ein einziges Bauteil funktionieren.

Wenn Begoña über ihre Arbeit spricht, kommt sie immer wieder auf ein Thema zurück: Stolz. Dieser Gedanke prägt das gesamte Projekt. Denn auch die Sagrada Família selbst ist in gewisser Weise ein Symbol dafür: ein Entwurf, der einst kaum realisierbar schien und dennoch Wirklichkeit wurde, weil Generationen von Menschen daran mitgewirkt haben.

Ihre eigene Geschichte folgt demselben Muster. Da ist der Stolz auf eine Karriere, die vor 25 Jahren begann, als Frauen im Ingenieurwesen noch eher die Ausnahme waren, und die sich Schritt für Schritt in einer Branche entwickelte, die über die Jahre offener und vielfältiger geworden ist. Da ist der Stolz auf das eigene Handwerk: darauf, eine bewährte Technologie für eine Herausforderung nutzbar gemacht zu haben, die umfangreiche Tests und projektspezifische Validierungen erforderte. Und nicht zuletzt der Stolz, zu einem Wahrzeichen beigetragen zu haben, das für ihre Heimatstadt eine ganz besondere Bedeutung hat. In Begoñas Erzählung finden diese unterschiedlichen Formen des Stolzes zusammen.

So wird deutlich, dass es bei dieser Geschichte um weit mehr geht als um Klebstofftechnologie. Begoña spricht über Beständigkeit, den Wandel ihres Berufs und darüber, wie es sich anfühlt, Teil eines Projekts zu sein, das Generationen überdauert.
 

Porträtfoto von Begoña Cantera, Territory Sales Engineer bei Henkel

Mit unserer Technologie und unserem Know-how von Henkel zu einem Projekt dieser Größenordnung beitragen zu können, ist wirklich beeindruckend.

Begoña, wie bist du ursprünglich zum Ingenieurwesen gekommen?

Begoña: Ich habe Chemie an der Universität Tarragona studiert. Während dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit, in Unternehmen der petrochemischen Industrie zu arbeiten. Dadurch kam ich schon sehr früh mit dem industriellen Umfeld in Berührung.

Und wie ging es danach weiter? 

Begoña: Nach meinem Studienabschluss begann ich bei einem Unternehmen für Klebstoffe zu arbeiten. Dort entdeckte ich einen Bereich, der mich sofort begeistert hat: alles rund um Prozesse, Produktion und die praktische Anwendung von Materialien. Das hat mich dazu motiviert, meine Ausbildung mit einem Masterstudium im Bereich Prozess- und Anlageningenieurwesen fortzusetzen und mein technisches Profil weiter auszubauen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag als Territory Sales Engineer heute aus? 

Begoña: Ich arbeite eng mit unterschiedlichen Unternehmen zusammen, um für sie die am besten geeigneten Klebstofflösungen zu finden. Dabei geht es nicht nur darum, ein Produkt zu verkaufen, sondern vor allem darum, die jeweiligen Prozesse zu verstehen und die Kunden dabei zu unterstützen, die Lösungen erfolgreich in ihre Produktionsabläufe zu integrieren. Ich betreue Unternehmen aus ganz verschiedenen Branchen, darunter die Industrie, die Medizintechnik und das Bauwesen, und passe jede Lösung an die spezifischen Anforderungen des jeweiligen Kunden an.

Und wie fügt sich ein Projekt wie die Sagrada Família in diese Arbeit ein? 

Begoña: Die Sagrada Família ist aufgrund ihrer langen Bauzeit und ihrer Geschichte ein außergewöhnliches Projekt. In meinem Fall war die Auswahl geeigneter Klebstoffe ein sehr spezifischer und zugleich besonders wichtiger Teil meiner Arbeit. Zeitintensiv, aber sehr wichtig.

Was war die zentrale technische Herausforderung? 

Begoña: Eine zuverlässige Methode zu finden, um Stein und Stahl so miteinander zu verbinden, dass sie sich wie ein einziges tragendes Bauteil verhalten. Die sechs zentralen Türme stellten den anspruchsvollsten Teil des gesamten Bauprojekts dar.

Henkel hätte auch einen speziell für das Projekt entwickelten Klebstoff einsetzen können. Warum hat sich das Team dagegen entschieden?

Begoña: Diesen Ansatz haben wir anfangs durchaus in Betracht gezogen. Das Loctite-Portfolio ist jedoch so breit aufgestellt, dass wir bestehende Lösungen genauer untersucht haben. Nach umfangreichen Tests fiel die Wahl schließlich auf Loctite EA 9497, einen strukturellen Zwei-Komponenten-Epoxid-Klebstoff. Um die Eignung für die tatsächlichen Bedingungen der Sagrada Família sicherzustellen, haben wir den Klebstoff zusätzlich projektspezifisch getestet und bewertet. 

Und diese Bedingungen sind anspruchsvoll.

Begoña: Absolut. Der Klebstoff muss Feuchtigkeit, dem salzhaltigen Küstenklima und Temperaturschwankungen von mehr als 20 Grad standhalten. Hinzu kommen ständige Vibrationen, die durch die unter der Basilika verlaufende U-Bahn-Linie verursacht werden. Gleichzeitig erfüllt er mehrere Funktionen: Er verbindet Stein und Stahl, dichtet die Fugen vollständig ab, füllt Hohlräume aus und verhindert Bewegungen zwischen den Bauteilen. Die Belastbarkeit ist beeindruckend: Ein Quadratmeter der Klebeverbindung könnte theoretisch das Gewicht von etwa 100.000 Erwachsenen tragen.

Was bedeutet es, an einem Projekt mit einem so langen Zeithorizont zu arbeiten, bei dem Fortschritte in Jahren statt in Wochen gemessen werden? 

Begoña: Bei einem Langzeitprojekt wie der Sagrada Família geht es nicht nur um die Auswahl des richtigen Produkts, sondern um alles, was dahintersteht. Entscheidend ist, einen starken Partner an der Seite zu haben, der die langfristige Verfügbarkeit, Qualität und gleichbleibende Leistungsfähigkeit des Produkts gewährleisten kann. Genau hier spielt das Vertrauen zwischen der Sagrada Família und Henkel eine wichtige Rolle. Es geht darum sicherzustellen, dass sowohl die Lieferfähigkeit als auch die Produkteigenschaften über viele Jahre hinweg konstant bleiben und jederzeit den Anforderungen des Projekts entsprechen. Diese Beständigkeit und Verlässlichkeit sind für ein Bauvorhaben dieser Größenordnung entscheidend. 

Ingenieurwesen wird oft als männerdominierter Bereich beschrieben. Entspricht das deiner eigenen Erfahrung? 

Begoña: Tatsächlich war das Ingenieurwesen lange Zeit stark von Männern geprägt. Ich selbst arbeite seit 25 Jahren in der Industrie und habe diesen Wandel aus nächster Nähe miterlebt. Zu Beginn meiner Karriere hatte ich durchaus das Gefühl, mich behaupten zu müssen. Mit der Zeit hat sich jedoch vieles verändert.

Inwiefern? 

Begoña: Zwar sind Männer heute nach wie vor in der Mehrheit, ich persönlich nehme aber keine Unterschiede in der Art und Weise wahr, wie man mir begegnet. Ich kann meine Arbeit ganz selbstverständlich und in einem angenehmen Umfeld ausüben. Insgesamt ist die Branche heute deutlich inklusiver als noch zu Beginn meiner Karriere. Ein schönes Beispiel dafür war auch die Arbeit an diesem Projekt: Eine der Personen, mit denen ich am engsten zusammengearbeitet habe, war eine Kollegin. Über die gesamte Projektdauer hinweg standen wir in engem Austausch und haben uns gegenseitig unterstützt. Dennoch gibt es aus meiner Sicht weiterhin Handlungsbedarf. Wir sollten jungen Frauen schon früh zeigen, wie vielfältig und spannend technische Berufe sein können, und sie ermutigen, diesen Weg einzuschlagen.

Und wo siehst du noch Veränderungsbedarf in der Branche? 

Begoña: Ich denke, dass sich die Gesellschaft insgesamt in die richtige Richtung entwickelt hat und Chancengleichheit im Berufsleben heute deutlich stärker verankert ist. Wer einmal in der Branche angekommen ist, stößt aus meiner Sicht auf keine wesentlichen Hürden und kann seinen beruflichen Weg ganz normal gestalten. Den größten Handlungsbedarf sehe ich weiterhin am Anfang dieses Weges: in der Bildung. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Frauen für technische Studiengänge und Berufe entscheiden. Hier besteht nach wie vor Nachholbedarf bei der Repräsentation. Genau dort liegt aus meiner Sicht der wichtigste Hebel für weitere Fortschritte.

Die Sagrada Família ist ein Wahrzeichen deiner Heimatstadt. Was bedeutet es für dich persönlich, zu diesem Projekt beigetragen zu haben? 

Begoña: Für mich persönlich ist es eine besondere Ehre, an einem Projekt wie der Sagrada Família mitgewirkt zu haben. Die Sagrada Família ist ein Symbol Barcelonas, meiner Heimatstadt. Teil eines Bauwerks zu sein, das für so viele Menschen von Bedeutung ist, hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Mit unserer Technologie und unserem Know-how von Henkel zu einem Projekt dieser Größenordnung beitragen zu können, ist wirklich beeindruckend und macht mich stolz.

Die Sagrada Família ist das Ergebnis der Arbeit vieler Beteiligter. Welche Rolle spielte Henkel dabei? 

Begoña: Hinter diesem Projekt stand ein großes Netzwerk aus Partnern, Steinbruchspezialist:innen und Ingenieurinnen und Ingenieuren. Henkel übernahm dabei eine zentrale technologische Rolle, indem wir die Verbindung der tragenden Materialien im Inneren der Türme ermöglichten. Seit dem Start im Oktober 2015 war über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren ein interdisziplinäres Team von rund 20 Mitarbeitenden aus den Bereichen Technik, Vertrieb und Logistik daran beteiligt, um die erfolgreiche Umsetzung sicherzustellen. Der Erfolg des Projekts ist eine echte Gemeinschaftsleistung. In den sechs zentralen Türmen wurden insgesamt rund 24 Tonnen Klebstoff verarbeitet, verteilt auf 826 Paneele und mehr als 2.100 einzelne Steinelemente. Sichtbar ist davon nichts. Und doch hält genau diese Verbindung alles zusammen.

NEUGIERIG AUF MEHR?
Im Video erklärt Begoña die Geschichte hinter dem Projekt. 

YouTube Thumbnail Sagrada Família - We made history happen (Thumbnail)