Erfolgsfaktor Nachhaltigkeit

Herr Rorsted, erklären Sie bitte anhand eines konkreten Beispiels, wie Ihr Unternehmen soziale und ökologische Verantwortung mit wirtschaftlichem Erfolg verknüpft.
Unser Anspruch ist, Produktleistung und Verantwortung für Mensch und Umwelt miteinander zu verknüpfen und damit einen neuen Qualitätsstandard zu setzen. Um das zu erreichen, hat Henkel fünf sogenannte Fokusfelder definiert: Energie und Klima, Wasser und Abwasser, Materialien und Abfall, Gesundheit und Sicherheit, gesellschaftlicher/sozialer Fortschritt. Jedes neue Produkt soll neben der Steigerung der Marge des entsprechenden Segments auch in mindestens einem dieser Fokusfelder einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten. Zum Beispiel haben wir unsere Waschmittel so weiterentwickelt, dass sie schon bei niedrigen Waschtemperaturen und geringer Dosierung eine sehr gute Leistung bieten. Das ermöglicht den Verbrauchern, Energie zu sparen, ohne auf die gewohnte Reinigungsleistung zu verzichten. Die Formulierungen unserer Seifen, Shampoos und Duschgele basieren mittlerweile zu mehr als zwei Dritteln auf nachwachsenden Rohstoffen. Im Industriegeschäft mit Klebstoffen bieten wir Systemlösungen, die in vielen Fällen Energie-, Wasser- und Abfallkosten senken. So haben wir neue Techniken für den Korrosionsschutz entwickelt, bei denen im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren keine Phosphate und Schwermetallabfälle entstehen.
Ihr Unternehmen ist nicht nur Preisträger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, sondern kürzlich auch in den Dow Jones Sustainability World Index aufgenommen worden. Was verbirgt sich dahinter?
Im Dow Jones Sustainability World Index werden Unternehmen gelistet, die nach den Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung wirtschaften. Hierzu beurteilt die SAM Indexes GmbH seit 10 Jahren jährlich Unternehmen nach ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Kriterien. Henkel wurde kürzlich erneut als Branchenführer im Marktsegment kurzlebige Konsumgüter aufgenommen. Nur rund 10 Prozent der weltweit 2500 größten Unternehmen schaffen es in den DJSI World.
Bei allen Erfolgen: Was sind die größten Baustellen in Sachen Nachhaltigkeit – in Ihrem Unternehmen und vielleicht auch in der gesamten Branche?
Wir müssen innovativen, nachhaltigen Konsum fördern. Global nehmen die Bevölkerungszahlen, der durchschnittliche Lebensstandard und entsprechend der Konsum stetig zu – und folglich auch der damit verbundene Ressourcenverbrauch und die Emissionen. Also müssen wir bessere Produkte und Lösungen entwickeln und gleichzeitig den Verbrauchern weltweit verantwortungsvolle Kaufentscheidungen und Produktanwendungen leichter machen. So wird in der Regel der „ökologische Fußabdruck“ vieler Konsumgüter zum großen Teil von der richtigen Produktanwendung durch die Verbraucher bestimmt. Ein Beispiel sind Waschmittel. Energieeinsparungen durch Waschen bei niedrigeren Temperaturen können einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Allerdings müssen diese Angebote dem Konsumenten noch besser kommuniziert werden. Die richtige „Übersetzung“ der Nachhaltigkeitsleistungen in glaubwürdige und verständliche Kommunikationskonzepte hilft, die Verbraucher stärker in die gesamtgesellschaftliche Aufgabe einer nachhaltigen Entwicklung einzubinden.
Zahlt sich das Prinzip Nachhaltigkeit auch für Ihre Mitarbeiter aus? Wenn ja, wie?
Ja, auf jeden Fall. Als Familienunternehmen legt Henkel den Fokus auf langfristig profitables Wachstum. Dafür brauchen wir gute Mitarbeiter, in deren Aus- und Weiterbildung wir permanent investieren. Dazu gehört auch unser Ziel, Führungskräfte primär aus dem eigenen Unternehmen heraus zu entwickeln. Allein in Deutschland haben wir im vergangenen insgesamt 10 Millionen Euro in rund 19.000 Fortbildungsaktivitäten unserer Mitarbeiter investiert.
Wie sehr wird der Nachhaltigkeitsgedanke bei Ihnen in Ausbildungsberufen berücksichtigt und somit schon frühzeitig bei den Mitarbeitern verankert?
Wir versuchen, den Nachhaltigkeitsgedanken von Anfang an bei unseren Auszubildenden zu verankern. Zu Beginn ihrer Ausbildung bekommen daher alle eine Einführung in das Thema Nachhaltigkeit. Anschließend werden sie im Unternehmensalltag mit dem Thema vertraut gemacht: Die Chemielaboranten lernen einen verantwortungsvollen Umgang mit Chemikalien. Kaufmännische Auszubildende, die im Einkauf arbeiten, erfahren, welche Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit wir an unsere Lieferanten stellen – um nur einige Beispiele zu nennen. Darüber hinaus gibt es Workshops, die sich mit dem Gedanken des nachhaltigen Wirtschaftens beschäftigen. Besonders wichtig für die Ausbildung ist außerdem das gesamte Konzept zur nachhaltigen Wissensvermittlung. Henkel bildet ganzheitlicher aus und geht über die Anforderungen der normalen Ausbildungsordnung hinaus, zum Beispiel indem wir intensiv Soft-Skills wie Teamfähigkeit, Flexibilität oder Kreativität fördern. Außerdem bietet Henkel regelmäßig Veranstaltungen an, bei denen die Auszubildenden über den betrieblichen Tellerrand hinausschauen können. Dazu gehören zum Beispiel gemeinsame Besuche von Museen oder Theateraufführungen.
Was glauben Sie: Wie sehr hat sich die Einstellung in den deutschen Unternehmen zur Nachhaltigkeit im Zuge der Wirtschaftskrise verändert?
Wer unter CSR und Nachhaltigkeit immer noch Spenden, Sponsoring und Projekte außerhalb der eigentlichen Geschäftstätigkeit versteht, wird diese in der Wirtschaftskrise vielleicht zurückfahren. Wer - wie Henkel - Nachhaltigkeit allerdings als Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette betrachtet, zieht daraus wirtschaftliche Vorteile. So haben uns die Effizienzsteigerungen der letzten zehn Jahre allein durch den geringeren Energiebedarf rund 200 Millionen Euro Einsparungen gebracht. Nachhaltigkeit ist für Henkel langfristiger Erfolgsfaktor und Innovationstreiber. Diese Einstellung hat sich durch die Wirtschaftskrise nicht verändert.
Und wie sieht es konkret bei Henkel aus: Wurde Nachhaltigkeit 2009 anders definiert als noch 2008?
Nein. Für uns ist Nachhaltigkeit ein sehr langfristiges Thema und war schon immer Teil unseres unternehmerischen Denkens und Handelns. Daran ändert auch die momentan schwierige wirtschaftliche Situation nichts. Unser Anspruch, Produktleistung und Verantwortung für Mensch und Umwelt miteinander zu verknüpfen, treibt außerdem Innovationen voran. Das hilft in der Wirtschaftskrise, insbesondere dort, wo wir Kunden und Konsumenten einen klaren Mehrwert bieten können.
Welche Leitplanken kann die Politik aus Ihrer Sicht für das Prinzip Nachhaltigkeit setzen – in Deutschland und weltweit? Können Sie Beispiele nennen, bei denen Sie bereits Auswirkungen für Ihr Unternehmen verspürten?
Wichtig ist, dass die Politik nicht nur die richtigen Signale sendet, sondern sich auf konkrete Ziele einigt, zum Beispiel zum Klimaschutz. Wir brauchen ein klares, globales Commitment und einen Handlungsrahmen, aus dem wir alle ableiten können, welche Beiträge von uns gefordert sind. Das gilt für die Politik ebenso wie für Unternehmen und Verbraucher. Ein gutes Beispiel ist die Herausforderung, unseren Konsum nachhaltiger zu gestalten. Dabei geht es nicht zwangsläufig um „grüne“ Produkte, sondern darum, intelligentere Lösungen anzubieten und umzusetzen. Wenn Millionen von Haushalten Energie durch das Waschen bei niedrigeren Temperaturen einsparen, ist dies ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Dazu muss es natürlich leistungsstarke Waschmittel und entsprechende Waschmaschinen geben, die dies ermöglichen. Um diesen Ansatz breiter voranzutreiben, brauchen wir ein gemeinsames Verständnis der Prioritäten: Welche Herausforderungen müssen wir in welchen Produktgruppen zuerst angehen und welche Aufgaben übernehmen die einzelnen Akteure dabei. Denn erst durch das intelligente Zusammenspiel der einzelnen Akteure und Instrumente können wir den notwendigen ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritt schaffen und finanzieren.